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"Herr, die Erde ist gesegnet" - Gottesdienst zum Erntedankfest
Jesus Christus, gestern heute und derselbe auch in Ewigkeit. Amen. Liebe Gemeinde!Erntedankfest 2011. Ein Tag, an dem wir einmal innehalten sollten.
Zeit, um zu staunen und dankbar zu sein. Jahr um Jahr schmücken wir an diesem Tag die Kirchen mit den Früchten des Feldes. Korn, Obst und Gemüse in all seiner Vielfalt wird auf dem Abendmahlstisch ausgebreitet, in der ganzen Fülle. Meistens schmückt auch eine Erntekrone den Chorraum. So wird es für jeden sinnenfällig: so vielfältig sind die Gaben der Schöpfung Gottes. Und so reichhaltig. An keinem anderen Tag steht es uns so deutlich vor Augen: wir haben genug, um zu leben. Aber auch: es ist nicht selbstverständlich, dass es so ist. Von der Saat zur Ernte ist es eine lange Zeit. Der Acker muss bereitet werden. Dann wird gesät und gepflanzt, die Saat muss aufgehen, muss wachsen und gedeihen, Sonne und Regen müssen dazu kommen zur rechten Zeit und in der richtigen Menge. „Herr, die Erde ist gesegnet vom Wohltun deiner Hand, Güt und Milde hat geregnet, dein Geschenk bedeckt das Land.“ So haben wir eben gesungen und das gilt auch für dieses Jahr für uns, in dieser Region der Welt.
Die meisten von uns können sich gar nicht mehr vorstellen. Auch hierzulande gab es Zeiten, in denen das durchaus anders war. In den Nachkriegsjahren war es immer ein Thema in den Ansprachen des Landwirtschaftsministers zum Erntedankfest, wenn er voll Stolz verkünden konnte: die Ernte des Jahres war wieder sehr gut. Alle Mitbürger werden davon leben können. Noch 1948 war das eine Nachricht, die die Nation bewegte. Inzwischen ist viel Zeit vergangen.
Heute ist das kein Thema mehr, das öffentlich für unsere Region der Welt erwähnenswert scheint. Wir erleben: die Regale der Märkte sind immer gefüllt. Wir können daraus nehmen, wann immer wir wollen und was immer wir wollen. Das Thema, das uns in der heutigen Zeit im Laufes eines Jahres allerdings des Öfteren bewegt, sind die Preise, die wir für unsere Lebensmittel zu bezahlen haben. Wo wir das günstigste Obst bekommen, was die ersten Erdbeeren kosten und wo sie zuerst zu kaufen sind. Ob neue Sorten Brötchen erhältlich sind und wie frisch das Brot ist, das über den Ladentisch geht. Der Preis ist das beherrschende Thema geworden, wenn es um unsere Lebensmittel geht. Und der Kampf um den besten Preis. Bei den landwirtschaftlichen Betrieben, bei den Anbietern untereinander und beim Wettrennen der Kunden zum jeweils günstigsten Angebot.
Damit sind wir so beschäftigt, dass dabei die Dankbarkeit wie ein Taschentuch verloren gegangen ist. Unbemerkt, beiläufig. Wo ist da noch Platz für die Einsicht: es geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott? Wo ist noch Platz für die Dankbarkeit, wenn der Wert von Lebensmitteln über den Preis geregelt wird, wie kann sich die Dankbarkeit den Weg in unsere Herzen bahnen, wenn aus den Gaben der Schöpfung Gottes, aus den Früchten des Feldes, schon rein sprachlich landwirtschaftliche Produkte geworden sind. Produkte wie andere industrielle Produkte eben auch.
Erntedankfest, wo stehen wir heute?
Erntedankfest, wo stehen wir heute? Erinnern wir uns an die Menschen, die vorhin zu Worte gekommen sind: die Urlauberin, der der Hunger auf Krabben gänzlich vergangen war, als ihr erzählt wurde, welchen Weg sie hinter sich haben, bevor sie auf ihren Teller kommen; der Landwirt, der sich unter das Diktat kurzfristiger Wirtschaftlichkeit gestellt sieht, obwohl er weiß, welcher Schaden damit langfristig angerichtet wird, die Imkerin, der auf lange Sicht deutlich vor Augen steht, was ein kluger Mann einmal so gesagt hat: wenn die Bienen sterben, stirbt auch der Mensch.
Das alles hinterlässt ein ungutes Gefühl und sollte uns unruhig machen. Wir schütteln mit dem Kopf, spüren: da ist ein Endpunkt erreicht, da stößt etwas an die Grenzen der Vernunft, an die Grenzen des Fassbaren. Wie anders klingt, wie fremd klingt es dagegen in der eben gesungenen Liedstrophe: „Du gedenkst in deiner Treue an dein Wort zu Noahs Zeit, dass dich nimmermehr gereue deine Huld und Freundlichkeit, und solang die Erde stehet, über der dein Auge wacht soll nicht enden Saat und Erde, Frost und Hitze, Tag und Nacht.“ Hier wird ein weiter Horizont vor unseren Augen aufgetan, ein weiter und großer Horizont des Bundes Gottes, des Schöpfers, ohne dessen Güte wir längst am Ende wären.
Im Vergleich dazu ist der Blick der Wirtschaftlichkeit, mit dem wir auf die Gaben des Schöpfers blicken, bestenfalls ein Tunnelblick. Ich will diesen Blick gar nicht verächtlich machen, leben wollen wir schließlich alle, und dazu gehört es auch, genug Geld zum Leben zu verdienen. Aber wenn es der einzige Blick auf die Welt ist und auch auf die Gaben der Schöpfung, dann führt er uns auf Dauer in tödliche Sackgassen. Wie jeder Tunnelblick. Und die Weite der Schöpfung mit ihrer ganzen Faszination geht uns dabei verloren. Und wir erzählen uns immer weitere Geschichten wie die der Krabben oder der Bienen oder von dem Druck, unter dem Landwirte stehen. Gut, man kann sagen, wir wissen nicht, was die Zukunft bringt, also lasst uns das Beste aus der Gegenwart herausholen, für unser Heute sorgen und herausholen, was irgendwie möglich ist. Lasst uns dort unsere Verantwortung sehen und entsprechende Entscheidungen treffen.
So kann man denken und leben. Und das tun ja auch einige. Aber man vergisst dabei: als wir geboren wurden, da war die Welt schon da und wir waren dankbar, satt zu werden, wenn wir Hunger hatten. Als Kinder wussten wir noch: dies war nicht unser Verdienst, das waren nicht die Früchte unserer Hände Arbeit, sondern der Verdienst und die Arbeit derer, die so mit den Gaben der Schöpfung umgegangen waren, dass auch wir sie noch genießen konnten. Schon allein aus Dankbarkeit darüber, sollten wir so mit den Gaben der Schöpfung umgehen, dass auch unsere Kinder und Enkel noch in denselben Genuss kommen sollten wie wir selbst. Erntedankfest – der Tunnelblick der kurzfristigen Wirtschaftlichkeit darf sich unter dem Horizont der Güte Gottes heilsam weiten, damit die Bienen weiterhin Nahrung finden, damit der Druck auf die Landwirte nachlässt, damit Irrsinnsgeschichten wie die mit den Krabben nicht mehr erzählt werden müssen...
Erntedankfest 2011 - der Tunnelblick der kurzfristigen Wirtschaftlichkeit darf sich beim Umgang mit Lebensmitteln unter dem Horizont der Güte Gottes heilsam weiten. Wie könnte das bei uns geschehen? Wenn ich mir überlege, wie viel Zeit, auch wie viel Freizeit ich am Tag damit verbringe, meinen Rechner auf den neusten Stand zu bringen, mein Auto zu pflegen, sms zu lesen und zu schreiben, dann kommt da ganz schön was zusammen. Wenn ich mir dann vor Augen halte, wie viel Zeit ich damit verbringe, mich darüber zu informieren, was ich esse, unter welchen Bedingungen dies angebaut wird, dann komme ich nicht umhin festzustellen: da ist etwas aus dem Ruder gelaufen.
Ich finde schon, wir sollten genauer hinsehen, was wir an Lebensmitteln kaufen. Und wenn uns dann bei einigen Angeboten der Appetit vergeht, wie der Urlauberin der Appetit auf Krabben, dann ist das in Ordnung. Gut, man kann sagen: dann haben doch die LKW Fahrer keine Arbeit mehr und die Frauen in Marokko auch nicht. Aber für sie nach neuer Arbeit zu einem gerechten Lohn zu suchen, das läge in der Verantwortung anderer. Und wer weiß, vielleicht tun sich dann für sie weitaus sinnvollere Perspektiven auf, wenn nach ihnen ernsthaft gesucht werden müsste. Und wenn ich dann nur noch Krabben essen könnte, wenn ich lernen müsste, sie selber zu puhlen, dann würde ich das in Kauf nehmen. Das würde ich eher in Kauf nehmen, als dass aus der Krabbengeschichte eine unendliche Geschichte würde. Und wahrscheinlich würden die selbst gepuhlten Krabben mir sogar noch ein bisschen besser schmecken.
Wenn ich wüsste, welche Wege andere Lebensmittel zurücklegen müssen und wie sie behandelt werden, wie man mit ihnen verfährt und welcher Druck auf den Obstbauern lastet, nur damit mir zu jeder Jahreszeit alles Obst zur Verfügung steht, dann würde ich es nicht mehr immer essen wollen. Sondern nur zu der Zeit, in der es auch geerntet wird. Frische Erdbeeren zu Weihnachten würden dann eben fehlen. Aber im Sommer schmecken sie dann unbehandelt mit Sicherheit besonders gut.
„Hilf, dass wir dies Gut der Erden treu verwalten immerfort. Alles soll geheiligt werden durch Gebet und Gottes Wort.“ So haben wir eben miteinander gesungen. Genau darum geht es. Darüber im Gespräch zu bleiben, uns dabei den Tunnelblick der kurzfristigen Wirtschaftlichkeit durch Gottes Geist weiten zu lassen, uns darüber auszutauschen, darum zu ringen im politischen Alltag, welche Rahmenbedingungen zu schaffen sind, damit wir die Dankbarkeit für die Gaben der Schöpfung Gottes wieder neu lernen, nicht nur für uns, sondern auch für die, die nach uns kommen.
Erntedankfest, ein Tag, der immer wichtiger wird.
Amen.
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